Der Chaos Computer Club
Ein deutscher Hackerverein, der Basteln in Bürgerschaft verwandelte und die Hackerethik in klare politische Sprache neu schrieb.

Das Objekt
Der Chaos Computer Club (CCC) wurde am 12. September 1981 an einem Tisch in den Räumen der linken Berliner tageszeitung gegründet, mit dem Journalisten und Aktivisten Wau Holland (Herwart Holland-Moritz) als zentraler Stimme. Der Gründungsaufruf erschien in der Zeitung unter dem Titel Tuwat.txt und lud die Leser zu einem Treffen von „Computer-Freaks" ein. Er ist weder ein einzelnes Gerät noch ein Text, sondern eine Institution, nämlich Europas ältester und größter Hackerverein, mit Tausenden Mitgliedern in Dutzenden lokaler Gruppen, zu gleichen Teilen technische Werkstatt, Bürgerrechts-Lobby und Gewissen. Seit 1984 ist sein jährlicher Chaos Communication Congress, abgehalten in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, zu einem der größten Hackertreffen der Welt herangewachsen und zog in den letzten Jahren weit über zehntausend Teilnehmer an.
Der Btx-Hack
Im November 1984 nutzten CCC-Mitglieder eine Schwachstelle im Bildschirmtext (Btx), dem Videotext-Onlinedienst der westdeutschen Bundespost, die ihn als sicher beworben hatte. Holland und Steffen Wernéry brachten die eigene Btx-Seite der Hamburger Sparkasse dazu, über Nacht wiederholt eine kostenpflichtige CCC-Seite aufzurufen, und häuften so 134.694 DM an Gebühren auf den Namen der Bank an. Sie riefen dann die Presse, gaben das Geld öffentlich zurück und forderten, den Fehler zu beheben. Der Hack war kein Diebstahl, sondern Theater: der Beweis, dass eine sich sicher gebende Institution in einer einzigen Nacht höflich ausgeräumt werden konnte und dass verantwortliche Offenlegung eine öffentliche Bühne braucht, um gehört zu werden.
Warum es zählt
Wo die amerikanische Hackertradition meist aus individueller Neugier argumentierte (das Hacker-Manifest, Spacewar!), argumentierte der CCC aus bürgerlicher Pflicht. Er erweiterte Steven Levys Hackerethik um zwei Forderungen, die die Amerikaner implizit gelassen hatten: Schütze private Daten, nutze öffentliche Daten (öffentliche Daten nützen, private Daten schützen) und Computer können dein Leben zum Besseren verändern. Jahrzehnte deutscher Rechtsprechung zu Datenschutz und digitalen Rechten tragen Fingerabdrücke des CCC, vom Telekommunikationsrecht bis zu den verfassungsrechtlichen Debatten über staatliche Überwachung. Der Verein trat wiederholt als Sachverständiger vor dem Bundesverfassungsgericht auf, und 2011 erzwang seine Analyse eines deutschen Polizei-Trojaners, des Staatstrojaners, eine landesweite Debatte über die Grenzen staatlichen Hackens.
Der Verein zahlte auch den menschlichen Preis dieser Haltung. Einige lose verbundene Mitglieder, darunter Karl Koch und Markus Hess, drifteten in den Spionagering des Kalten Krieges ab, der gestohlene Daten an den sowjetischen KGB verkaufte, die Affäre, die Clifford Stoll in The Cuckoo's Egg schilderte. Koch, der unter dem Namen „Hagbard Celine" hackte, wurde 1989 verbrannt in einem Wald bei Celle gefunden, ein mutmaßlicher Selbstmord, der dieses Kapitel dunkel schloss. Die Antwort des CCC, geprägt von klarerer Ethik und einer festen Linie gegen Zusammenarbeit mit Nachrichtendiensten und gegen Hacken zum Profit, wurde Teil seiner Identität.
Die Lehre, die er freisetzte
Eine Hacker-Kultur wird erwachsen, wenn sie nicht mehr nur Institutionen entgegentritt, sondern beginnt, welche zu bauen. Der CCC machte Hacken zu einer anerkannten öffentlichen Stimme in einer großen Demokratie: von Gerichten konsultiert, von Parlamenten zitiert, von der Öffentlichkeit für vertrauenswürdig gehalten, die Maschinerie des Staates zu prüfen. Der Bugreport und die Pressekonferenz wurden zur selben Handlung.
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